Was Tiere uns voraus haben.

Ich war von 1985 bis 2002 aktive Tierärztin mit eigener Praxis in Wien gemeinsam mit meiner guten Freundin Sabine. Wir pflegten unsere Arbeitszeiten aufzuteilen, so dass wir beide unsere Kinder gut versorgen konnten, aber gleichzeitig die Freude und den Spaß am tierärztlichen Beruf bewahren konnten. Jede Woche tauschten wir am Operationstag unsere Erfahrungen aus, und es wurde uns beiden klar, wie sich Tiere so in ihr eigenes Gewand hinein entwickeln. Ganz speziell bei den Katzen konnten wir das sehen.

Wenn Du mit Katzen lebst, dann weisst Du vermutlich, was ich meine.
Wenn wir so eine kleine Katze ansehen, wenn sie ganz putzig und noch tollpatschig herumtappt und erst einmal sehr ungeschickt in diesem Leben herumläuft, kann man den Charakter manchmal noch nicht so richtig erkennen, aber mit der Zeit, wenn sie dann heranwächst, dann wird klar, ob das eine Katze ist, die engen Kontakt hat zu Menschen oder eine, die eher in ihrer eigenen Katzenwelt lebt.

Und die Katzen, die mit Menschen Kontakt haben und mehr und mehr mit Menschen kommunizieren in ihrer ganz eigenen Weise und Sprache, diese Katzen entwickeln sich oft im Laufe dieses Katzenlebens, das unterschiedlich lange dauert, manchmal nur neun bis 10 Jahre, manchmal 13, 16 oder 18 Jahre. Die ganz alten Katzen haben somit viel Zeit, sich dann wirklich oft zu einer absolut vollständigen und perfekten Katze zu reifen.
So dass man sagen kann: MEHR Katze kann dieses Tier gar nicht werden.

Sie haben eine spezielle Fähigkeit mit Menschen zu kommunizieren, also mit Menschen, die sie verstehen natürlich. Das Vis-à-vis muss die Sprache können. Normalerweise setzen sich diese Katzen auf den Operationstisch, legen ihre Arme vorne unter den Brustkorb, d.h. sie schlagen sie ein wie verschränkt, ganz gemütlich, drehen den Kopf, schauen dich an und sagen: „O.K. Mach, was du machen musst. Ich warte.“

Und dann sitzen die da ganz ruhig und rühren sich nicht mehr, bis die Untersuchung vorbei oder die Infusion gegeben ist, die Ohren geputzt oder was auch immer gemacht werden muss. Und sie geben sich vollkommen vertrauensvoll und absolut sicher in die Hände des Menschen. Und der Blick, mit dem sie dich ansehen, ist so, dass wir das Gefühl haben, das sind eigentlich keine Tiere. Die sind viel mehr, als das, was wir früher einmal gelernt haben, was Tiere sind. Sie haben so etwas wie eine Seele, etwas ganz Persönliches, das sie eins vom anderen unterscheiden lässt. Und sie haben Gefühle, Empfindungen.

Das einzige, was sie sicher nicht haben, ist die Fähigkeit voraus zu planen…. und auch nicht hinterher zu denken, nachzugrübeln, wie es der Mensch oft tut. Hätte ich das damals gemacht, wäre das und das nicht passiert. Oder vielleicht schon.
Das machen Tiere nicht, und das kann auch die perfekte Katze nicht. Gott sei Dank. Und wir Menschen können nun auch lernen, uns das auch abzugewöhnen. Denn das „Hätte ich doch“, „Wenn ich … hätte, dann“ und „Werde ich …?“ – Das Sich- Schuldig-Fühlen aus der Vergangenheit und das Sich-Sorgen um die Zukunft, das sind Dinge, die Tiere sicher nicht machen, und da sind sie uns einen weiten Schritt voraus.

Oder anders betrachtet, der Mensch möchte vielleicht auf dieser Erde, in diesem Erdenleben lernen, dieses sinnlose Sich-Sorgen und dieses sinnlose Sich-Schuldig-Fühlen, abzulegen. Ein Hund oder ein Tier, egal welches, bestraft sich NIE für einen Fehler, den es gemacht hat. Es macht einen Fehler — der Hund zieht vielleicht den Schwanz ein — und läuft davon, aber im nächsten Moment ist es dann auch schon wieder gut und vergessen. Und es wird nicht stundenlang, tagelang, wochenlang, monatelang, vielleicht sogar jahrelang immer wieder dieses Problem durchgekaut. „Wenn ich das damals gemacht hätte, oder nicht gemacht hätte, dann …“. Da sind uns die Tiere weit voraus.

So beschreibt einer meiner Lieblingsautoren Wayne Dyer sehr gut in seinem Buch „Der wunde Punkt“ (Originaltitel: „Your Erroneous Zones”), wie unnötig unsere Sorgen und unsere Schuldgefühle sind. Nachdem ich es gelesen hatte und absolut glücklich begann, meine Schuldgefühle wegzulassen, gelang es mir, das Sich-Sorgen um die Zukunft zumindest schon teilweise zu vermeiden.

Oder anders ausgedrückt: mein Verstand hat erkannt, dass Sich-Sorgen um etwas, das möglicherweise NIE im Leben eintritt – NIE im Leben – eine absolut unnötige Freizeitbeschäftigung ist. Manchmal verschwenden wir zu viel Zeit, um dumpfe Gedanken zu hegen, die uns nicht weiter, dafür aber in unangenehme Gefühle bringen. Das Baden im Schuldgefühl hält uns nur davon ab, die Dinge anzuerkennen, wie sie geschehen sind, unsere eigene Verantwortung dafür zu übernehmen und es ab sofort besser zu machen.

Wir verwenden zu viel Zeit, uns in der Vergangenheit mühsam zu wälzen. Wenn wir in der Schule lernen könnten, wie wir unsere Zeit anders verwenden, nämlich nicht Geschichtszahlen zu repetieren, wann wer welchen Krieg begonnen oder beendet hat, sondern wie wir mit unseren Gedanken und Gefühlen besser umgehen, dann hätten wir schon ein besseres Rüstzeug für die Zukunft. Oder für den Moment, in dem wir leben. Und diese guten Momente aneinander zu reihen, immer bewusst zu leben, ist ja praktisch schon unsere Zukunft.

Wie herrlich schön wird eine Zukunft sein, die aus einer Folge von glücklichen Momenten besteht? Leider braucht es oft viele Jahre, bis wir fähig sind, uns aus alten Verhaltensweisen heraus zu entwickeln und uns in eine neue, viel schönere Lebensweise zu bewegen. Ich startete mir dieser Veränderung vor einigen Jahren und sie war so stark, dass sie mich sogar in ein fremdes Land brachte, nämlich in meine neue Heimat Ägypten.
Hier erlebe ich zwar auch nicht nur glückliche Momente, aber ich habe wesentlich mehr Zeit und Muße, mich auf das Wichtigste im Leben zu konzentrieren: auf das SEIN und das Leben an sich. Und das alleine war den Schritt wert, sowohl Verstand als auch Gefühl miteinander zu verbinden und ins Gleichgewicht zu bringen.